Langzeitfutterplätze perfektionieren


 

 

Langzeitfutterplätze, was bedeutet das überhaupt?

 

Im Prinzip verstehen wir darunter, einen gewissen Spot über einenZeitraum von mindestens 2-3 Monaten bis zum Teil über Jahresfrist hinauskonstant unter Futter zu halten, um dort einen dauerhaften Anlaufpunkt für dieUnterwasserwelt– natürlich vorwiegend Karpfen- zu schaffen.

25 Pfund Spiegelkarpfen

 

Doch bevor ich mit der Tür ins Haus falle, möchte ich mich zuersteinmal mit einigen wenigen Worten kurz vorstellen: Mein Name ist Gunther Scheidt,ich bin inzwischen bereits 37 Jahre alt und komme aus Mahsch in Niederbayern,einem ziemlich kleinen Dorf, sehe mich aber dennoch nicht als „Hinterweltler“.Ich habe an der Uni Essen studiert und in den Teilfachbereichen„Verdauungsphysiologie und deren chemische Prozesse“ sowie „Mikroorganismen“ imSchwerpunkt Bio-Chemie meine Abschlussarbeiten erstellt. Den Karpfen stelle ichschon seit vielen Jahren mit wechselnder Intensität überwiegend in der nahe gelegenenIsar und deren Stauseen nach, allerdings bin ich aber auch immer wieder angrößeren Baggerseen rund um Landshut, in der Münchhausener Gegend und teilweisebis hinüber in den Raum Passau unterwegs.

Detailliertere Informationen möchte ich (hoffentlichverständlicherweise) an dieser Stelle zur Rücksicht auf die zum Glück noch kaumbekannten Gewässer und deren Bestände aber nicht nennen. Es wäre ja nicht daserste Mal, dass über das Internet Plätze ausgekundschaftet werden und dann inkürzester Zeit Horden von Anglern aufkreuzen, sich dort wie Chaoten verhaltenund ursprüngliche Gewässer in kürzester Zeit dem Erdboden gleich machen. SolcheLeute sind meiner Meinung nach dann doch an den allseits verpöhnten „Paylakes“besser aufgehoben. Doch ich will nicht zu sehr vom Thema abschweifen und michstattdessen im Weiteren auf das Wesentliche konzentrieren.


Ich möchte in den folgenden Zeilen meine persönlichen Erfahrungen mitdem Aufbau von Langzeitfutterplätzen darlegen und diese so gut als möglichversuchen weiter zu geben. In meinen Augen ein sehr diffiziles Thema, bei demich noch viel Nachholbedarf unter den Karpfenanglern sehe.

Mehr als 30 Pfund von neuem Spot

An erster Stellesteht selbstverständlich die Auswahl eines passenden Gewässers- mit diesenGedanken sollte man sich intensiv auseinandersetzen, schließlich hängt davonder Erfolg der gewählten Strategie ab. Gewässer, die lediglich einen Bestand an„Kleinfischen“ bis zu 20-25 Pfund bieten, scheiden in meinen Überlegungen vonvorneherein aus, zu schade wäre es, hier unnötig Futterreserven zuverschwenden. Addiert man zu dieser Art von Gewässern noch die von Vereinenzumeist schlecht bewirtschafteten hinzu, machen diese in Bayern einen Anteilvon rund 60% aus. Auch eignen sich geschlossene Gewässer mit sehr hohemAngeldruck nur bedingt für unser Vorhaben (ca. 25% in Bayern). Unter dem Strichbleiben also überhaupt nur rund 15% an Gewässern, die für unser Vorhabeninteressant sein könnten (die Daten basieren auf Untersuchungen aus dem Jahr2001 und können mittlerweile geringfügig abweichen).

Hat man sichschließlich für ein Zielgewässer entschieden, geht es daran, produktive Spotsauszuwählen, die regelmäßig von den Fischen aufgesucht werden. Ich denke, jedervernünftige Karpfenangler sollte ein „Auge“ dafür haben und nicht immer deneinfachsten, am besten noch direkt mit dem KfZ anfahrbaren Platz bevorzugen,der mit aller Voraussicht nach einer der überfischtesten Bereiche von allensein wird. Bzgl. des Punktes „Platzwahl“ verweise ich immer wieder gern auf dieoftmals zitierte Lektüre vonWulf Plickat, der sich umfassend mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat.

Ist man sichhinsichtlich eines wahren Hotspots zu Beginn einer geplanten Futterkampagnenoch unsicher, so sollte man bis zum ersten Testfischen wenn möglich 2 oder 3Plätze unter Futter halten und diese abwechselnd befischen. Kann man sich miteinem Kollegen zusammentun, so sind auch die teils enormen Mengen nocheinigermaßen gut zu stemmen. Ich ziehe derartige Futteraktionen jeweilszusammen mit meinem älteren Bruder Bertholm durch, wir beide wissen, dass wiruns zu 100% aufeinander verlassen können und die gleiche Philosophie verfolgen.

der Mais ist fertig zur Fütterung
Zum Einsatz kommen bei uns in den ersten Tagen einersolchen Aktion ein gequollener und gegorener Partikelmix bestehend aus Mais,Hanf und Weizen. Nach einem ausreichenden Zeitraum im Wasser, je nachTemperatur zwischen 4 und 7 Tagen, tritt aus den Partikeln essenzhaltigeGärsäure aus (Hanf produziert zusätzlich noch das glucosehaltige Holoenzym). 

Enzyme in der Gärsäure
Gemäß Literatur bestehen Holoenzyme aus einemProteinanteil, dem Apoenzym,sowie aus einem Kofaktor, im Fachjargon spricht man von einem niedermolekularenMolekül (kein Protein), das nur am Rande als zusätzlicheHintergrundinformation. Diese Gärsäuren und Enzyme besitzen- ihrer chemischenHauptzusammensetzung geschuldet- eine weitaus höhere Lockwirkung als unterLaien weitläufig vermutet, und sind daneben- verdauungsphysiologisch gesehen-durchaus attraktiv, um die Darmflora und –fauna zu stimulieren. Allerdings muss die Intensität in strengkontrolliertem Maße liegen, daher empfehle ich, die Partikelfütterung nach etwa1 Woche zurückzuschrauben und schließlich gänzlich einzustellen und stattdessenauf hochwertige Proteinboilies zurückzugreifen. Eine zu intensiv angeregteVerdauung hat schließlich negative Auswirkungen, wir kennen das ja selbst. 

Gute, nahrhafte Proteinboilies
„Readys“ scheiden hier aus Verdaulichkeits- undnatürlich aus Kostengründen selbstverständlich aus, stattdessen versuchen wir,einen relativ günstigen und dennoch hochwertigen und gleichzeitig nahrhaftenBoilie zu kreieren. Bzgl. der Verdaulichkeit von Boilies möchte ich an dieserStelle nochmals explizit auf die in diesem Bereich hervorragende Literatur vonProf. Dr. Arlinghaus hinweisen. Er hat hinsichtlich einer Vielzahl anFragestellungen auf diesem Gebiet definitiv Pionierarbeit geleistet und mit seinenForschungsergebnissen unwiderruflich neue Wege beschritten. Seine Erkenntnissehinsichtlich der Wechselwirkungen von Nährwerten, Enzymen, Proteinen ppa. sindhier in meinen Augen bis heute zweifelsohne unerreicht.

Proteinstrukturen unter d. Mikroskop

Die Diskussion konkreter Boilierezepturen, nach denen ich immer wiedergefragt werde, möchte ich euch an dieser Stelle ersparen. Es gibt eineVielzahl brauchbarer Mischungen in der Literatur zu finden, die ich hier nur kurzdie wichtigsten Details betreffend anschneiden möchte. Warnen möchte ichallerdings zuvor von den nicht selten im Internet zu findenden Rezepten vonsog. Trittbrettfahrern, die meinen, das Zusammenfügen irgendwelche Mehle undVermengen mit Eiern hätte etwas mit Boilierollen zu tun. Man möge sich immervorher vergewissern, was man abrollt, ansonsten schade um die guten Zutaten.

 

Funktion der Binder

Doch zurück zu den guten Mischungen, es sei hier unbedingt darauf zuachten, eine Ausgewogenheit der Nährwerte und Binder zu erreichen. Wir wissen,jegliche natürliche Nahrung der Karpfen, seien es nun Larven, Muscheln, Krebseund dgl. setzen sich fast ausschließlich aus Wasser + Protein + verschiedenenFetten zusammen, dies müssen wir bei der Zusammensetzung unserer Boilieszwangsläufig berücksichtigen, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Als Gedankenanstoß,um den Vergleich zu Menschen zu ziehen, wir ernähren uns doch auch nichtausschließlich von Kaugummi und Lutschbonbons…

Die Funktion der Binder im Mix wird oftmals unterschätzt, diese dienenentgegen der allgemeinen Meinung nicht nur dazu, den Boilie „zusammen zuhalten“ und gegen unerwünschte Kleinfischangriffe widerstandsfähig zu machen,sondern enthalten mitunter auch Emulgatoren, die den Fisch bei seinerVerdauungstätigkeit unterstützen. Einfache Binder sind gewöhnlich reich anmilchproteinbuminhalten Lactalstoffen, sog. H³O-tiden, diese sollten in meinenAugen soweit als möglich durch löslichere Strukturen wie bspw. SrHs² ohnevergleichbare Substanzen ersetzt werden. Dennoch darf man es mit den Bindernnicht übertreiben, um nicht einen Betonklotz im Wasser zu versenken. Soviel einkleiner Exkurs in die tiefe Welt der Boiliemischungen, wenden wir uns wiederder- zugegebenermaßen- leichter verständlichen Praxiswelt zu.

Haben wir nach eben jener Woche den Partikelanteil deutlich reduziert,beginnen wir nun in der Folge „unseren“ Boilie am auserkorenen Futterplatz zuetablieren. Dieser Prozess dauert trotz unserer hochwertigen Zutaten, die wirverwenden, in der Regel mehrere Wochen. Selbstredend kann man auch instant odernach nur einer kurzen Futterperiode Fische mit Boilies fangen, das istunbestritten. Dennoch verändert sich nach einer gewissen Zeit des Fütterns dasFressverhalten der Karpfen drastisch, hin zu einem fast schon scheulosenEinsaugen. Dies macht es für uns natürlich deutlich einfacher, eine bessereHakquote zu erzielen, wie gesagt, natürlich immer unter der obersten Prämisse,dass wir uns die Mühe machen, uns mit den Ingredienzien unserer Köderauseinander zu setzen.

Eine häufiggestellte und immer wieder aufs Neue diskutierte Frage bezieht sich auf die zuverwendende tägliche Futtermenge. Diese Frage kann man ehrlicherweise niemalskorrekt beantworten, zu viele Faktoren (Gewässergröße, Jahreszeit,Wassertemperatur, Luftdruck, Kleinfischvorkommen, BestandsdichteSchuppenkarpfen/ Spiegelkarpfen, natürliches Nahrungsangebot, Windrichtung u.v.m.)spielen hier eine tragende Rolle. Mit einem stark vereinfachten Modell kann manzumindest behelfsweise einen Richtwert für die tägliche Futtermenge ermitteln,allerdings ist diese Faustformel leider nur für stehende Gewässer gültig.

Dazu benötigt manals Informationen die Gewässergröße in ha, den Bestand an Kleinfischen(Friedfische) in kg/ha sowie natürlich den Bestand an Karpfen, ebenfalls in derMessgröße kg/ha.

Pro kg im Gewässervorkommender Karpfen kann man täglich in etwa mit 100g Futtereinsatz planen,pro kg zu erwartender Kleinfische mit ca. 15g. Erwarten wir pro ha also 50kgKarpfen und 20kg Kleinfisch, so darf man gut und gerne mit einer täglichenFuttermenge von (50kg * 0,1kg) + (20kg * 0,015kg) = 5,3kg kalkulieren. Diesegrobe Formel ist normiert auf eine Wassertemperatur von 15°C, wollen wir dieTemperatur ebenfalls noch bei der Planung berücksichtigen, so müssen wir einenzusätzlichen Faktor integrieren.

Es hat sich gezeigt,dass folgende Werte in etwa der Praxis entsprechen:




Greifen wir obigesBeispiel nochmals auf, bei einer gemessenen Wassertemperatur von 7°C ergibtsich als ideale Menge 5,3kg * 0,25 = 1,325kg, bei einer Temperatur von 21°Cergeben sich 5,3kg * 1,2 = 6,36kg.

Im Spektrum 14°C -17°C entfällt die Multiplikation, da der Faktor = 1, ab einer Wassertemperatur> 23°C sinkt die Nahrungsaufnahme auf Grund des niedrigerenSauerstoffgehaltes im Wasser wieder ab, so dass der Wert für den Faktor unterdie Marke von 1 rutscht. In der Praxis spiegelt sich dies im oftmals zitierten„Sommerloch“ wieder.

Dennoch muss mansich vor Augen halten, dass diese Berechnung niemals alle Einflussfaktoreneines solch komplexen ökonomischen Systems wie der Unterwasserwelt abbildenkann.

Ziel erreicht fast 45 Pfund

Eine kleineAnekdote dazu am Rande: Schauplatz ist ein kleiner, alter Tagebau-Baggersee vonrund 22ha mit relativ geringem Angeldruck, an dem bis Mitte der 60er JahreBraunkohle und Öl gefördert wurde. Über 15 Wochen hinweg fütterten wir eineFläche von ca. 5000qm nach dem genannten Prinzip an, die ersten 3 Wochenverzichteten wir vollständig darauf, unsere Montagen dort auszulegen.

Anschließend fingenwir in mehreren Kurzsessions viele Fische bis Mitte der 30 Pfund Marke, undkonnten bald auch schon den zu diesem Zeitpunkt vermeintlich größten Fisch desSees, einen herrlichen Spiegelkarpfen, auf unserer Matte begrüßen. Beim Anblickdieser majestätischen Dame waren wir uns einig, dass sie diesmal die 45 PfundMarke mit Leichtigkeit knacken sollte. Doch die kurz zuvor geeichte Waageklärte uns auf, ihr Zeiger blieb bei exakt 22,35kg stehen. Dennoch konnten wirunsere Freude kaum zurückhalten, hatte doch die Futtertaktik schon bald Wirkunggezeigt. Und die Konstanz, mit der wir Woche für Woche gute Fische an unseremLangzeitfutterplatz versammeln konnten, war durchaus beachtlich.

Zu Ende diesesProjekts hatten wir schließlich 42 Fische auf unserem Konto, was in etwas70%(!) des dortigen Bestands ausmachen dürfte.

Bertholm mit 33 Pfund aus Afrika

Manche voneuch mögen vielleicht schmunzeln, aber dieses Prinzip funktioniert nicht nurauf dem europäischen Kontinent, sondern natürlich auch mit afrikanischenKarpfen bei einem unserer Auslandstrips nach Südafrika. Wir beauftragten imVorfeld unserer 14-tägigen Reise unseren einheimischen Studienfreund Motamba(herzliche Grüße an dieser Stelle!) damit, einen ihm sehr vertrauten Platz ambekannten Donaldson Dam nach dieser Strategie zu befüttern. Nach dem Motto„difficilia quae pulchra “ nahmen wirdiese Herausforderung selbstverständlich an, und es sollte sich auszahlen: Wirfingen zahlreiche gute und richtig schwere Fische mit wunderschöner Beschuppung,die selbst dort unten nicht zum täglich Brot gehören.

Mit bloßem Auge kaum erkennbar
Im Zuge der Versuche rund um die Etablierung vonLangzeitfutterplätzen gelangen meinem Bruder und mir quasi zufällig einige sehrinteressante Erkenntnisse, die wir versuchten, in der Folge wissenschaftlichaufzuarbeiten und darzulegen. Denn mit längerem Zeitverlauf des Fischens nachdieser Methode fiel uns irgendwann auf, dass wir in vielen Fällen beiSchwarmauftreten der Karpfen (nicht in jedem Gewässer der Fall) zuerst mehrereSchuppenkarpfen, später erst vermehrt Spiegelkarpfen fingen. Wir erklären unsdies damit, dass die Aufnahmefähigkeit für bestimmte Geschmacksrichtungen beiSchuppenkarpfen anders ausgerichtet ist als bei der Spiegelform, die ja, wieallseits bekannt sein dürfte, über Generationen hinweg gezüchtet und dadurchgenetisch stark verändert wurden.

Die Zellen mit den Rezeptoren

Vor allem bei Spiegelkarpfen mit rezessiv vererbten Chromosomen-Schematawar dies auffällig. Durch die Überdeckungen bestimmter X-Chromosomen scheinendie S-Rezeptoren in der Maulschleimhaut stark verkümmert zu sein, was eineveränderte Aufnahmefähigkeit nach sich zieht. Mit bloßem Auge sind dieseUnterschiede nur schwer erkennbar, mit einer (zugegebenermaßen guten) Lupe wirdes schon deutlich einfacher, nützliche Aufklärungsarbeit leistet hier das gutealte Mikroskop. Aber das sollte nicht Gegenstand dieser Ausarbeitung sein, daswäre ein neuerliches Thema für sich selbst.

 

Nun hoffe ich inständig, ihr könnt diesen zum Teil doch rechttheoretischen Zeilen das ein oder andere für euer Vorgehen am Wasser entnehmen.

Sollten sich noch Fragenstellungen zu diesem umfassenden Themenkomplexergeben, stehe ich euch jederzeit sehr gerne zur Verfügung. Ich werdeversuchen, Anfragen diesbezüglich alsbald zu beantworten.

 

Euer Gunther Scheidt

catch the big one